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Traditionelle und moderne Erzählliteratur in Verschwörungstheorien

21. Januar 2026
Die Wirkung von Erzählungen auf den Leser (Bild: pixabay.com)

Die Erzählliteratur kann in traditionelle und moderne Literatur unterteilt werden. Diese Unterteilung ist jedoch nicht klar und es gibt immer Mischformen. Auch wird durch die Unterscheidung von traditioneller und moderner Literatur keine zeitliche Einordnung vorgenommen, wie es die Bezeichnungen vermuten lassen könnten. Noch heute wird im traditionellen Sinne erzählt und vor dem Aufkommen des Begriffs für die moderne Literatur wurde im modernen Sinne Literatur produziert. Die Unterschiede dieser literarischen Konzepte lassen sich an Strukturelementen wie der Figurengestaltung, der Erzählerin oder dem Erzähler, der Wirklichkeitsgestaltung oder der Wirkungsabsicht untersuchen. Zu bedenken ist hier, dass diese Liste nicht abschliessend ist, dass es mehr Strukturelemente gibt und es auch weitere Unterscheidungsmöglichkeiten gibt.

Mit Figurengestaltung ist gemeint, wie die Figuren vom Erzähler und letztlich von der Autorin gestaltet werden. In der traditionellen Literatur sind die Hauptfiguren oftmals als sogenannte feste Figuren gestaltet, das bedeutet, die Figuren werden mit bestimmten Charaktereigenschaften eingeführt und behalten diese bis zum Schluss der Erzählung. Die Figuren können zwar eine Wandlung durchlaufen, verändern sich aber nicht in ihren Grundsätzen. In modernen Erzählungen sind Hauptfiguren keine festen Figuren, sondern von externen Faktoren definiert, wie etwa der Gesellschaft oder der Handlung. Sie können im Verlaufe der Handlung eine grundsätzliche Wandlung durchlaufen. Traditionelle Figuren sind durch ihre Festigkeit einheitlich und konstant, während moderne Figuren widersprüchlicher und launenhafter Natur sind. Auch repräsentieren die Figuren in traditionellen Erzählungen oftmals eine Menge an Personen oder die gesamte Menschheit, während in modernen Erzählungen die Figuren individueller sein können. Ähnlich wie die Figurengestaltung ist die Gestaltung des Erzählers. Im traditionellen Sinne sind Erzähler verlässliche und konstante Instanzen, die eine in sich stimmige Erzählung wiedergeben. Als Leser vertrauen wir dem Erzähler und lassen uns von ihm durch die Handlung führen. In der modernen Erzählliteratur wird diese Konstanz und dieses Vertrauen erneut gebrochen, die Erzählinstanz wird unzuverlässig und die Subjektivität oder die Chaotik nimmt zu. Daraus folgt, dass wir uns als Leser nicht mehr blind führen lassen.

Die Wirklichkeitsgestaltung in traditioneller Literatur zielt überwiegend darauf ab, möglichst treffend die reale Wirklichkeit darzustellen. Moderne Literatur nimmt sich hier mehr Spielraum und es soll keine reale Wirklichkeit mehr dargestellt werden. Man geht davon aus, dass es gar keine einzige Wirklichkeit gibt, sondern dass die scheinbare Wirklichkeit immer vom betrachtenden Subjekt abhängig ist. In der modernen Literatur wird das Erzählte als Erfindung und Konstruktion gezeigt.

Die Wirkungsabsicht bei traditioneller Literatur ist normalerweise die Identifikation des Lesers mit der festen Hauptfigur. Der Leser soll Vertrauen in die Hauptfigur und die Erzählinstanz gewinnen und sich durch die Handlung leiten lassen. In moderner Literatur ist dieses Vertrauen gestört und der Leser soll die Handlung mit Distanz kritisch mit verfolgen. Dafür werden gezielt Situationen von der Autorin konstruiert, die für den Leser verfremdend wirken und ihm oder ihr die Identifikation mit den Figuren erschwert.

Traditionelle und moderne Erzählliteratur in Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien mögen nicht direkt als erzählende Literatur erscheinen, aber sie sind dennoch Formen von Erzählungen und haben Aspekte, die erzähltheoretisch untersucht werden können. Ich habe mir im folgenden Abschnitt Gedanken dazu gemacht, wie das typische Erzählkonzept von Verschwörungstheorien in Bezug auf traditionelles und modernes Erzählen aussieht.

Figuren spielen auch in Verschwörungstheorien eine Rolle. Sie sollen oft eine grössere Menge an Personen oder auch Stereotypen verkörpern und darstellen. Dies weist auf eine klassische Figurengestaltung hin. Verschwörungstheorien stellen häufig zwei gegensätzliche Akteursgruppen dar, von denen eine als machtlos oder benachteiligt konstruiert wird, während die andere als dominant und einflussreich erscheint. Die Figuren dieser Parteien können unterschiedlich gestaltet sein, traditionell, modern oder eine Mischung aus beidem. Feste und dauerhafte Figuren können zum Beispiel verwendet werden, um eine Gruppe zu beschuldigen. Man zeigt damit, dass die Figuren von sich aus so handeln. Sie sind nicht von der Gesellschaft definiert und somit kann die Schuld nicht auf die Gesellschaft übertragen werden. Durch eine überlegte Gestaltung der Figuren oder auch Akteursgruppen kann die Haltung des Adressaten stark beeinflusst werden.

Bei der Erzählinstanz sind traditionelle Formen klar vorteilhafter. Ein Erzähler im modernen Sinne ist gezielt irreführend, subjektiv oder chaotisch konstruiert, was der Glaubwürdigkeit stark schadet. Hingegen steigert eine in sich stimmige Erzählung die Glaubwürdigkeit. Ein Erzähler, der das Vertrauen des Adressaten besitzt und von dem sich das Publikum durch die Handlung führen lässt, bietet sich für eine Verschwörungstheorie meistens besser an.

Die Wirklichkeitsgestaltung bei Verschwörungstheorien ist klar traditionell. Das moderne Konzept beschreibt ziemlich genau das Gegenteil von dem, was in einer Verschwörungstheorie erreicht werden will. Eine Verschwörungstheorie hat den Anspruch, Wirklichkeit darzustellen und zu erklären oder zumindest eine Wirklichkeit vorzutäuschen. Durch eine moderne Erzählung würde eine gezielt erfundene und konstruierte Wirklichkeit geschaffen, was auch für den Adressaten sichtbar ist. Das Erzählte sollte auch nicht abhängig von einem Subjekt präsentiert werden. Eine Verschwörungstheorie hat das Ziel, die erzählte Wirklichkeit als allgemeingültig zu verkaufen und nicht eine diskutierbare, subjektive Wirklichkeit vorzustellen. Damit kombiniert ist die Wirkungsabsicht wahrscheinlich das wichtigste Element einer Verschwörungstheorie. Die Wirkungsabsicht von Verschwörungstheorien zeigt klare Tendenzen zur traditionellen Erzählweise. Ein distanziertes und kritisch-reflektierendes Publikum ist nicht das Ziel, wie es in moderner Erzählliteratur oft der Fall ist. Vielmehr sollte das Publikum sich mit einer Figur identifizieren können. Damit kann eine emotionale Bindung hergestellt und Mitgefühl erreicht werden, womit die Glaubwürdigkeit für den Adressaten gesteigert wird.

Im Allgemeinen lässt sich mit gezielter Konstruktion von Figuren, Erzählinstanz und Wirklichkeitsgestaltung die Wirkung des Vermittelten auf das Publikum stark beeinflussen. Letztlich prägt die Wirkungsabsicht die Gestaltung und somit die Wirkung der Erzählung massgeblich. Eine Erzählung kann nicht klar der traditionellen oder der modernen Erzählliteratur zugeordnet werden, sie kann aber Aspekte und Tendenzen beider Konzepte aufweisen, wie Verschwörungstheorien häufig eine Tendenz zum traditionellen Erzählen zeigen.


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